Mutter
„Mutter, Mutter! Sieh doch einmal,
wie die Hände dir so zittern.“
„Ach, mein Kind, du weißt es nimmer,
wie des Nachts ich oft dich trug
bis zum ersten Morgenschimmer,
da die Kirchenglocke schlug.“
„Mutter, Mutter! Weshalb gehst du
immer doch so tiefgebeuget?“
„Ach, mein Kind, ich will dir’s sagen:
Alle Sorgen, hart und schwer,
haben Mütter nur getragen.
Darum geh ich so umher!“
„Mutter, Mutter! Deine Augen,
sag, was sind sie oft so trübe?“
“Ach, mein Kind, seit du geboren,
wieviel hab’ ich da geweint.
Jede Trän’, die ich verloren,
war nur dir allein vermeint!“
„Mutter, Mutter! Nur noch eines,
das ich nimmermehr begreife:
Jedes deiner Worte kündet
immer wieder Opfer dein.
Und trotzdem, — dein Antlitz findet
Lächeln noch und Sonnenschein?“
„Ach, mein Kind, du läßt die Antwort
immer schwerer mich dir geben.
Siehe! Meinen Schmerzen allen —
ob du’s zu verstehn vermagst? —
ist ein Balsam hingefallen,
denn wie schön ist’s, — daß du fragst!“