Wer über dem Leide steht
Wer über dem Leide steht, sagt man ist weise.
Mich dünkt dieser Glaube fürwahr nicht sehr gut:
Du störtest doch selber die göttlichen Kreise
und dämmtest die Ebbe und mit ihr die Flut.
Es schäumte noch keinem das Meer durchs Geblüte,
es jauchzte noch keiner in Liebe und Lust,
dess’ Seele sich niemals in Dunkel verglühte,
der nie noch um bittere Tränen gewußt.
Wer über dem Leide steht, wandert die Mitte;
vorbei wohl am Grauen, vorbei an der Not,
doch nimmer ist’s möglich, daß er sich erstritte,
was Gott ihm an höchsten Erfüllungen bot.
So liebe das Leben, die Lust und die Schmerzen,
wie immer sie dir in die Tiefe gelegt.
Und wenn du schon weinen mußt, müh dich zu scherzen,
solange der Herr deinen Atem umhegt.